Systemisch nicht verlegte Anschlüsse
Eine Beobachtung zur Verantwortung
In vielen gegenwärtigen Ordnungen ist Verantwortung formal vorhanden. Zuständigkeiten sind benannt, Verfahren definiert, Rollen verteilt. Und doch bleibt Verantwortung oft ohne Adresse.
Kritik findet statt. Sie wird artikuliert, dokumentiert, weitergereicht. Sie trifft auf Systeme, aber nicht auf Gegenüber.
Zuständigkeit reagiert nicht mehr
Nicht-Adressierbarkeit beschreibt diese Konstellation. Sie meint nicht, dass niemand zuständig wäre. Sie meint, dass Zuständigkeit nicht mehr reagiert. Verantwortung ist vorhanden, ohne antwortfähig zu sein.
Entscheidungen entstehen in Prozessen, die sich aufteilen. Sie werden vorbereitet, geprüft, abgestimmt, umgesetzt. Jeder Schritt ist korrekt. Jeder Akteur handelt im Rahmen seiner Rolle. Gerade diese Korrektheit verhindert die Möglichkeit des Eingriffs. Verantwortung zirkuliert, ohne zu greifen.
Kritik richtet sich an Verfahren. Verfahren antworten nicht. Sie verweisen weiter.
So entsteht eine Ordnung, in der niemand blockiert, aber auch niemand entscheidet. Reaktion wird ersetzt durch Ablauf. Antwort durch Verweis. Verantwortung durch Zuständigkeit.
Nicht-Adressierbarkeit als Organisationsform
Nicht-Adressierbarkeit ist kein Defizit der Organisation. Sie ist ihre Form. Sie entsteht dort, wo Stabilität nicht durch Durchsetzung, sondern durch Zuteilung gesichert wird. Je feiner die Aufteilung, desto geringer die Reaktionsfähigkeit.
Diese Struktur ist robust. Sie schützt nicht einzelne Akteure, sondern den Prozess selbst. Wer kritisiert, trifft auf ein System, das Kritik aufnehmen kann, ohne sich verändern zu müssen. Einwände werden bearbeitet, geprüft, eingeordnet. Sie verschwinden nicht. Sie bleiben folgenlos.
Nicht-Adressierbarkeit wirkt beruhigend. Sie signalisiert Ordnung, Professionalität, Regelhaftigkeit. Sie erzeugt Vertrauen in Verfahren, nicht in Entscheidungen. Verantwortung wird dadurch nicht abgeschafft, sondern zugewiesen, ohne antwortfähig zu sein.
Reaktion wird strukturell unwahrscheinlich
In dieser Logik ist es schwer, einen Moment zu benennen, an dem etwas hätte anders entschieden werden können. Der Ablauf war korrekt. Die Entscheidung nachvollziehbar. Der Prozess abgeschlossen.
Nicht-Adressierbarkeit erklärt, warum Kritik häufig im Kreis geführt wird. Warum Aufarbeitung stattfindet, ohne Eingriff. Warum Verantwortung benannt wird, ohne dass sich etwas verschiebt.
Diese Beobachtung beschreibt keinen moralischen Mangel. Sie beschreibt eine Form der Organisation, in der Reaktion strukturell unwahrscheinlich wird. Nicht, weil niemand will, sondern weil niemand muss.
Die Frage, die sich daraus ergibt, betrifft nicht Schuld.
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Wo endet Verantwortung, wenn sie nur noch zugeteilt wird?
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