Pfingsten und die verlorene Verständigung ist ein kommentierender Kurz-Essay über Pfingsten als Fest der Sprache – und über die Frage, warum einer Gesellschaft ohne gemeinsame Verständigung auch die gemeinsame Wirklichkeit abhandenkommen kann.
Haben Sie gewusst, dass Pfingsten auch das Fest der Sprache und der Verständigung ist? Nicht nur ein verlängertes Wochenende mit einem freien Montag. Nicht nur der Moment, an dem der Frühling endgültig in den Sommer hinübergreift.
Verständigung als Gabe
Pfingsten erzählt von Menschen, die plötzlich verständlich sprechen können. Und von anderen, die sie verstehen. Die christliche Überlieferung nennt das den Heiligen Geist. Die Jünger Jesu erhalten Mut und Sprache, um aus der abgeschlossenen Gruppe herauszutreten. Deshalb gilt Pfingsten in den Kirchen auch als Gründungstag. Aus einem inneren Erlebnis wird öffentliche Sprache.
Aber was machen wir daraus in einer Gesellschaft, in der etwa die Hälfte der Menschen sich nicht mehr zu Glaubensfragen öffentlich bekennt, wie etwa durch eine Kirchenmitgliedschaft? Und – was bedeutet ein Feiertag zu Pfingsten in einer Gesellschaft, in der Gemeinschaft und Gemeinsamkeit zunehmend in gruppenübergreifende Sprachlosigkeit ausweicht?
Sollen wir Pfingsten feiern?
Die Frage ist nicht, ob wir heute noch Pfingsten feiern sollten. Die Frage ist, wie eine Gesellschaft einen Tag der Verständigung überhaupt noch markieren kann, wenn ihr die gemeinsame Verständigung abhandenkommt.
Wer könnte heute ein solches Ritual tragen, eine feierliche Rede halten, die Wirkung zeigt?
Ein Mensch mit großem Amt?
Das Amt kann Würde verleihen. Aber Würde ersetzt kein Vertrauen. Viele hören ein Amt heute nicht mehr als gemeinsame Stimme, sondern als Teil einer Ordnung, der sie ohnehin misstrauen.
Ein Mensch mit großer Verantwortung?
Verantwortung wird in der Öffentlichkeit häufig erst dann sichtbar, wenn etwas nicht funktioniert hat. Dann klingt sie nach Erklärung, nach Schadensbegrenzung, nach Verfahren.
Ein Mensch aus dem Fernsehen?
Bekanntheit erzeugt Aufmerksamkeit. Aber Aufmerksamkeit ist noch kein Ritual. Das Fernsehgesicht bringt sein Format mit. Man hört nicht nur den Satz, sondern die Rolle, die aus ihm spricht.
Eine Satirikerin?
Satire kann treffen. Sie kann Lügen durchstechen, Macht bloßstellen, falschen Ernst zerlegen. Aber sie lebt vom Abstand. Sie darf sagen, was andere nicht sagen. Zugleich bleibt sie häufig im Schutzraum der Pointe. Für eine Pfingstrede reicht das nicht. Verständigung braucht mehr als Entlarvung. Sie braucht eine Sprache, in der Menschen für einen Moment aus ihren markierten Positionen heraustreten können.
Pfingsten heute
Und damit wird Pfingsten plötzlich sehr gegenwärtig.
Denn die Krise der Verständigung besteht heute nicht nur darin, dass Menschen verschiedener Meinung sind. Verschiedene Meinungen wären noch kein Problem.
Das Problem beginnt dort, wo Menschen nicht mehr als Gesprächspartner erscheinen, sondern als Gruppe, Lager, Störung, Gefahr oder Material aufgeladen sind. Wer markiert wird, wird nicht mehr vollständig gehört.
Wer gegenmarkiert, steigt oft in dasselbe Spiel ein. Dann geht es nicht mehr darum, einen gemeinsamen Raum zu öffnen. Dann geht es darum, die stärkere Markierung zu setzen.
Pfingsten erzählt das Gegenbild: Menschen sprechen verschieden, und doch entsteht Verstehen.
Nicht, weil alle gleich werden.
Nicht, weil Unterschiede verschwinden.
Sondern weil Sprache für einen Moment die Spaltung überwindet.
Vielleicht ist genau deshalb so wenig davon zu hören.
Ein Pfingsten aller
Ein Pfingsten aller Einwohner müsste keine Ersatzreligion sein. Es müsste auch kein Staatsritual werden. Es könnte ein öffentlicher Moment sein, in dem über Sprache gesprochen wird: über das vereinnahmende oder das ausschließende Wir, über die Markierung der anderen, über die Erschöpfung der Debatte, über den Verlust gemeinsamer Ansprechbarkeit.
Aber dafür bräuchte es eine Sprecherrolle, der man zutraut, nicht zu verkaufen, nicht zu verwalten, nicht bloß zu unterhalten.
Diese Rolle ist derzeit kaum sichtbar.
Darum bleibt Pfingsten im öffentlichen Bewusstsein oft das, was vom Feiertag übrig ist, wenn sein Gedanke verschwindet: ein freier Tag.
Dabei läge gerade hier ein Anfang.
Ein Tag im Jahr, an dem eine Gesellschaft sich fragt:
Wie sprechen wir miteinander?
Wer darf für wen sprechen?
Wer wird gemeint, wenn „wir“ in der konkreten Situation gesagt wird?
Wer wird aus diesem Wir herausgedrängt?
Und welche Sprache wäre nötig, damit Verständigung nicht nur behauptet, sondern wieder möglich wird?
Pfingsten wäre dafür der richtige Tag.
Nicht wegen des Glaubens oder Nichtglaubenmüssens. Sondern weil eine Gesellschaft, die keine gemeinsame Sprache mehr findet, irgendwann auch keine gemeinsame Wirklichkeit mehr halten kann.
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