Die Nähe des Möglichen
Eine Beobachtung zur Verlusthaftigkeit von Entwicklung
Nicht alles Mögliche ist schon wirklich.
Und nicht alles Wirkliche erschöpft, was möglich gewesen wäre.
Zwischen dem offenen Möglichkeitsbestand und der aktualisierten Wirklichkeit liegt eine Engführung. Etwas tritt in Form. Etwas anderes bleibt zurück. Eine Entwicklung vollzieht sich, indem sie auswählt.
Dadurch entsteht Welt.
Und dadurch entsteht Verlust.
Offener Bestand
Potentialraum bezeichnet den offenen Möglichkeitsbestand, aus dem Aktualisierung hervorgehen kann.
Er ist kein Vorratsraum fertiger Dinge. Er besteht nicht aus verborgenen Objekten, die nur noch hervorgeholt werden müssten.
Der Potentialraum ist ein Feld relationaler Möglichkeiten: offen, durchlässig, nicht vollständig bestimmt.
Was aus ihm wirklich wird, entscheidet sich erst im Vollzug.
Eine Möglichkeit kann gedacht werden.
Eine andere kann ausgesprochen werden.
Eine dritte kann Handlung werden.
Viele bleiben unaktualisiert.
Der Potentialraum ist deshalb nicht identisch mit Zukunft. Zukunft ist Erwartung. Potentialraum ist die Bedingung, unter der Erwartung überhaupt Richtung bekommen kann.
Aktualisierung als Engführung
Jede Aktualisierung ist eine Auswahl.
Etwas wird wirklich, indem anderes nicht wirklich wird. Eine Entscheidung öffnet einen Weg und schließt andere. Eine Handlung setzt Form und lässt Alternativen zurück. Eine Entwicklung erzeugt Kontur, weil sie nicht alles zugleich realisiert.
Das ist ihre Verlusthaftigkeit.
Entwicklung ist darum nicht nur Zuwachs. Sie ist auch Reduktion. Sie bringt Welt hervor, indem sie Möglichkeit begrenzt.
Ohne diese Begrenzung gäbe es keine Form.
Ohne Form gäbe es keine Handlung.
Und ohne Handlung bliebe Möglichkeit unbetreten.
Der Potentialraum wird also nicht dadurch wertvoll, dass alles offen bleibt. Er wird wertvoll, weil aus ihm Wirklichkeit entstehen kann.
Aber jede entstandene Wirklichkeit trägt die Spur dessen, was nicht entstanden ist.
Das Zurückgelassene
Was nicht aktualisiert wurde, verschwindet nicht immer.
Manches fällt tatsächlich aus dem Zusammenhang, manches verliert seine Kraft. Manches wird bedeutungslos. Aber anderes bleibt wirksam: als offene Differenz, als nicht eingelöste Funktion, als ungenutzte Fähigkeit, als verpasster Anschluss, als fehlende Form.
An dieser Stelle berührt der Potentialraum die Restspannung.
Restspannung entsteht dort, wo ausgeschlossene Möglichkeit nicht vollständig verschwindet. Sie ist der wirksame Überschuss dessen, was im Vollzug nicht in Form kam.
Der Potentialraum liegt damit nicht nur vor der Entscheidung.
Er erscheint auch nach ihr wieder: verändert, verschoben, enger oder weiter, getragen von dem, was durch die Aktualisierung zurückgelassen wurde.
Nähe zur Wirklichkeit
Im praktischen Sinn bezeichnet Potentialraum den Bereich realer nächster Möglichkeiten.
Eine Möglichkeit gehört erst dann in diesen Bereich, wenn sie unter konkreten Bedingungen anschlussfähig werden kann: durch Sprache, Ort, Zeit, Körper, Beziehung, Verfahren, Ressourcen, Aufmerksamkeit, Schutz, Vertrauen oder eine erkennbare nächste Handlung.
Nicht jeder Wunsch, nicht jeder Forderung, nicht jede Analyse und nicht jede Empörung öffnen einen Potentialraum.
Ein Potentialraum entsteht dort, wo Möglichkeit in die Nähe der Wirklichkeit rückt.
Wo:
- etwas sagbar wird.
- etwas betretbar wird.
- jemand handeln kann.
- ein Anschluss entsteht.
- eine Form trägt.
- eine Entscheidung überprüfbar bleibt.
Erweiterung und Verengung
Ein Potentialraum kann sich öffnen.
Dann werden mehr Wahrnehmungen möglich, mehr Sprache, mehr Handlung, mehr Verbindung, mehr Korrektur. Eine Lage wird nicht nur beschrieben, sondern bearbeitbar.
Ein Potentialraum kann sich verengen.
Dann werden Sprache, Verfahren, Beziehungen und Erwartungen enger. Menschen sehen keinen nächsten Schritt mehr. Entscheidungen erscheinen alternativlos. Erfahrungen bleiben draußen. Gegnerbilder übernehmen die Ordnung. Rückkehrbilder werden stärker als gegenwärtige Möglichkeiten.
Verengung bedeutet nicht nur, dass etwas verboten wird.
Verengung bedeutet, dass weniger Wirklichkeit eintreten kann.
Richtung unter Beobachtung
Potentialraum bezeichnet hier eine beobachtbare Struktur von Möglichkeit unter Bedingungen; er steht im Zusammenhang mit dem grundlegenden Begriff des Potentialraums im Begriffssystem der Durchlässigkeit des Seins, ohne dieses selbst darzustellen.
Der Begriff macht sichtbar, dass Wirklichkeit nicht nur aus dem besteht, was bereits Form gefunden hat. Sie ist auch bestimmt durch das, was möglich bleibt, ausgeschlossen wurde oder erst noch Form finden kann.
Darum ist Potentialraum ein Werkzeug der Welterkennung.
Er fragt nicht nur: Was ist?
Er fragt: Was kann aus dem, was ist, noch werden?
Und er führt zur praktischen Prüfung:
Wird durch eine Handlung mehr reale nächste Möglichkeit eröffnet – oder wird der Raum enger gestellt?
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