Solidarität – Die Bedürfnisse der anderen sind wirklich

Über die Verbundenheit des Lebens und ihre Anerkennung in einer gemeinsamen Welt

Der Mensch ist ein soziales Lebewesen. Er kommt nicht allein zur Welt, kann sich als Kind nicht selbst versorgen und ist sein Leben lang auf Bedingungen angewiesen, die er nicht allein hervorbringt. Nahrung, Wasser, Schutz, Zuwendung und die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben setzen Beziehungen zu anderen Menschen und zur natürlichen Umwelt voraus.

Diese Verbundenheit beruht auf keiner Entscheidung; sie besteht, bevor wir sie erkennen. Wir können sie gestalten, ihre Wirkungen verändern oder sie aus der Wahrnehmung verdrängen, aufheben können wir sie nicht.

Daraus ergibt sich für die Solidarität:

Solidarität bedeutet, anzuerkennen, dass andere Lebewesen eigene Grundbedürfnisse haben, und diese in unserem Handeln und Zusammenleben tatsächlich zu berücksichtigen.

© 2026 Andersen Storm

Anerkennung braucht keine Bewertung

Andere Menschen haben Bedürfnisse, und diese bestehen unabhängig davon, ob wir sie verstehen, teilen oder für berechtigt erklären.

Wer Hunger hat, braucht Nahrung, wer erschöpft ist, Ruhe, und wer sich erleichtern muss, einen geeigneten Ort. Solche Bedürfnisse werden nicht erst dadurch wirklich, dass andere ihnen zustimmen.

Auch andere Lebewesen existieren unter eigenen Bedingungen. Ihre Bedürfnisse müssen weder den menschlichen entsprechen noch mit ihnen verglichen werden, damit sie als vorhandene Bedürfnisse anerkannt werden können.

Solidarität verlangt deshalb weder, unterschiedliche Lebensformen und Bedürfnisse gleichzusetzen, noch persönliche Zuneigung.

Um die Bedürfnisse anderer in unserem Handeln zu berücksichtigen, müssen wir ihre Gefühle nicht nachempfinden. Empathie kann uns auf Bedürfnisse aufmerksam machen, sie schafft aber weder diese noch die Verbundenheit.

Zu unterscheiden ist die Wirklichkeit eines Bedürfnisses von den Möglichkeiten, es zu befriedigen. Ob ein Bedürfnis wirklich ist, hängt nicht davon ab, dass jemand es anerkennt. Ob es befriedigt werden kann, hängt dagegen sehr wohl davon ab.

Wie eine gemeinsame Welt entsteht

Jedes Lebewesen existiert innerhalb von Grenzen. Es braucht bestimmte Bedingungen und ist zugleich selbst Teil der Bedingungen, unter denen anderes Leben möglich wird.

Menschen verändern diese Zusammenhänge fortwährend: Sie bauen Häuser, legen Straßen an, bewirtschaften Böden, organisieren den Verkehr und verteilen Wasser, Energie und Nahrung. Dabei entstehen neue Möglichkeiten, andere werden ausgeschlossen.

So wird die Welt, in der wir leben, laufend umgestaltet, und keine dieser Veränderungen betrifft nur diejenigen, die sie unmittelbar veranlassen.

Eine Straße verändert die Wege anderer, die Regulierung eines Flusses die Lebensbedingungen flussaufwärts wie flussabwärts. Und wer über die Nutzung öffentlicher Flächen entscheidet, bestimmt mit, welche Bedürfnisse dort befriedigt werden können.

Solidarität geht deshalb über die persönliche Beziehung zwischen zwei Menschen hinaus. Sie zeigt sich darin, wie wir unsere gemeinsame Welt gestalten.

Es kommt darauf an, ob ich bereit bin, einem anderen Menschen zu helfen, und ebenso darauf, ob die von uns geschaffenen Lebensbedingungen dessen Grundbedürfnisse überhaupt berücksichtigen.

Wie Solidarität unterbunden werden kann

Ein alltägliches Beispiel dafür ist die öffentliche Toilette.

Menschen haben körperliche Bedürfnisse, die sich nicht beliebig aufschieben lassen, und wer sich im öffentlichen Raum bewegt, braucht deshalb unter anderem Zugang zu sanitären Einrichtungen.

Wird eine öffentliche Toilette ersatzlos entfernt, bleibt das Bedürfnis bestehen; verschwunden ist seine Berücksichtigung an diesem Ort.

Der Mensch muss nun ein Geschäft oder eine Gaststätte aufsuchen, ist auf die Bereitschaft eines privaten Betreibers angewiesen und muss unter Umständen etwas kaufen, um ein elementares Bedürfnis befriedigen zu können. Die gemeinsame Infrastruktur verweist ihn damit auf eine individuelle Lösung für ein Problem, das aus seiner menschlichen Existenz selbst entsteht.

Das verändert, wie sich der öffentliche Raum tatsächlich nutzen lässt, am deutlichsten für Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen oder Erkrankungen. Eine solche Gestaltung kann solidarische Verhältnisse strukturell beeinträchtigen, auch wenn niemand beabsichtigt, anderen zu schaden.

Weiter reicht die Wirkung auf unsere gegenseitigen Erwartungen: Finden meine Grundbedürfnisse öffentlich keine Berücksichtigung, kann es mir mit der Zeit selbstverständlich erscheinen, dass auch andere ihre Bedürfnisse allein organisieren müssen.

Aus gemeinsamer Verantwortung wird individuelle Zuständigkeit. Die tatsächliche Abhängigkeit bleibt bestehen, ihre gesellschaftliche Anerkennung schwindet.

So kann Entsolidarisierung entstehen, obwohl die Menschen ihre grundlegende Fähigkeit zu solidarischem Verhalten behalten.

Solidarität ist mehr als Hilfsbereitschaft

Solidarität wird häufig dort eingefordert, wo ein Mensch in Not geraten ist: Andere sollen helfen, Verständnis zeigen oder auf eigene Vorteile verzichten.

Solche Handlungen können solidarisch sein. Eine Gesellschaft, die elementare Bedürfnisse schon in ihrer Organisation berücksichtigt, ist jedoch nicht bei jeder Gelegenheit auf die Hilfsbereitschaft Einzelner angewiesen.

Eine öffentlich zugängliche Toilette setzt keine empathische Entscheidung des Vorübergehenden voraus. Es gibt sie, weil das Bedürfnis bei der Gestaltung des öffentlichen Raums berücksichtigt wurde.

Solidarität kann deshalb als dauerhafte Qualität gesellschaftlicher Verhältnisse bestehen. Sie muss nicht in jeder Begegnung neu hergestellt werden, sondern kann in Einrichtungen, Regeln und Ressourcenverteilungen wirksam bleiben.

Das heißt nicht, dass sich jedes Bedürfnis jederzeit vollständig befriedigen lässt. Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten sind begrenzt, Bedürfnisse können miteinander in Konflikt geraten, und ihre konkrete Berücksichtigung erfordert Entscheidungen.

Die Anerkennung selbst muss jedoch nicht erst durch eine Bewertung des anderen Menschen verdient werden.

Die Welt endet nicht beim Menschen

Unsere Verbundenheit reicht über die menschliche Gesellschaft hinaus.

Wir brauchen Luft, Wasser, Böden und funktionierende ökologische Zusammenhänge und teilen diese Existenzbedingungen mit anderen Lebewesen, deren Lebensmöglichkeiten wir durch unsere Entscheidungen verändern.

Auch hier lässt sich Solidarität als wirksame Anerkennung von Grundbedürfnissen verstehen.

Die Organismen eines Waldes haben eigene Existenzbedingungen, auch wenn der Wald uns nicht nützlich erscheint. Und ein Tier muss uns nicht ähnlich sein, damit seine Bedürfnisse bei menschlichen Eingriffen berücksichtigt werden können.

Eine einfache Anweisung für jeden Eingriff in die Natur ergibt sich daraus nicht, wohl aber ein Maßstab, um dessen Folgen zu betrachten: Andere Lebewesen verschwinden nicht dadurch aus dem gemeinsamen Wirkungszusammenhang, dass wir ihre Bedürfnisse bei unseren Entscheidungen außer Betracht lassen.

Solidarität muss nicht erfunden werden

Die menschliche Fähigkeit zu Kooperation und gegenseitiger Unterstützung entwickelt sich früh; ihre Voraussetzungen gehören zur sozialen Entwicklung des Menschen.

Aus bestehender Verbundenheit folgt dennoch nicht zwangsläufig solidarisches Handeln: Menschen können einander ausbeuten, Bedürfnisse ignorieren und Lebensbedingungen zerstören, von denen sie selbst abhängen. Die Verbundenheit bleibt dabei bestehen, es ändert sich die Weise, in der sie wirksam wird.

Solidarische Beziehungen und Einrichtungen lassen sich schaffen, erhalten und verändern, ebenso können die Bedingungen ihrer Verwirklichung eingeschränkt oder beseitigt werden.

Die Frage, wie sich mehr Solidarität herstellen lässt, greift deshalb möglicherweise zu kurz. Wir können auch fragen, welche gesellschaftlichen Bedingungen die Anerkennung bereits bestehender Bedürfnisse verhindern und wie sich diese Hindernisse verändern lassen.

Solidarität erscheint dann nicht als außergewöhnliche moralische Leistung, sondern als Möglichkeit, das Zusammenleben seinen tatsächlichen Existenzbedingungen entsprechend zu gestalten.

Liebe bezeichnet in diesem philosophischen Verständnis die ursprüngliche, nicht auf einen Zweck gerichtete Verbundenheit des Seins, die vor jeder bestimmten Beziehung und jeder Entscheidung steht.

Solidarität bringt diese Verbundenheit nicht erst hervor; sie wird dort wirklich, wo die Grundbedürfnisse anderer innerhalb unserer gemeinsamen Welt anerkannt und wirksam berücksichtigt werden.

Um solidarisch zu sein, müssen wir nicht erst miteinander verbunden werden; wir sind es bereits. Was wir daraus machen, verändert die Welt, in der wir leben.


Andersen Storm · 2026

Aus dem Begriffssystem zur Durchlässigkeit des Seins. Der Solidaritätsbegriff befindet sich in der systematischen Entwicklung.

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