Gegen das indifferente Wir – Ein essayistischer Kommentar
Warum ein unbestimmtes „Wir“ Verantwortung verdeckt, Sprecher überhöht und politische Sprache entkernt.
Das indifferente „Wir“ klingt verbindlich, ohne jemanden zu binden. Es verteilt Verantwortung so breit, dass sie niemanden mehr trifft. Dieser Kommentar beschreibt, warum präzise Sprache politische und gesellschaftliche Zuständigkeit benennen muss.
Das indifferente Wir ist ein politisches Nebelgerät.
Es klingt verbindlich, ohne jemanden zu binden. Es klingt verantwortlich, ohne Verantwortung zuzuweisen. Es klingt gemeinschaftlich, ohne Gemeinschaft herzustellen. Wer in gesellschaftlichen Aussagen dauernd „wir“ sagt, muss beantworten können, wer damit gemeint ist, wer spricht, wer handelt, wer leidet, wer profitiert und wer zahlen soll.
Ein Wir ohne Adresse ist kein Gemeinsinn. Es ist Flucht aus der Zuständigkeit.
„Wir müssen mehr tun.“ Wer ist dieses Wir? Regierung, Verwaltung, Unternehmen, Bürgerinnen und Bürger, Eltern, Medien, Parteien, Eigentümer, Bildungseinrichtungen, Plattformbetreiber, Kulturinstitutionen? Wer genau soll handeln? Mit welchen Mitteln? Gegen welchen Widerstand? Auf wessen Kosten? In welchem Zeitraum?
Solange diese Fragen offen bleiben, ist das Wir keine Aussage. Es ist eine Sprachgeste.
Präzise Sprache braucht weder Soziolekt noch Verwaltungseuphemismus noch poetischen Metapherismus zur Verklitschung der Aussage. Präzise Sprache darf hart sein, weil Wirklichkeit hart ist. Sie muss nicht verletzen, aber sie muss treffen. Sie muss die Stelle benennen, an der Verantwortung liegt. Sie muss unterscheiden zwischen Betroffenen, Verursachern, Nutznießern, Entscheidern, Mitläufern, Blockierern und jenen, die längst handeln, aber in den Formeln der öffentlichen Rede mit allen anderen zusammengekocht werden.
Das indifferente Wir macht diese Unterschiede unsichtbar.
Es sagt: „Wir haben versagt“, wenn bestimmte Institutionen versagt haben.
Es sagt: „Wir müssen sparen“, wenn konkrete politische Entscheidungen Leistungen kürzen.
Es sagt: „Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt“, wenn manche profitiert und andere kaum Anteil hatten.
Es sagt: „Wir müssen uns verändern“, wenn vor allem jene sich anpassen sollen, die schon angepasst wurden.
Es sagt: „Wir müssen wieder miteinander reden“, wenn eigentlich bestimmte Akteure aufgehört haben zuzuhören.
Diese Formeln sind keine kleinen sprachlichen Ungenauigkeiten. Sie sind politische Technik. Sie verteilen Verantwortung so breit, dass sie niemanden mehr trifft. Sie erzeugen eine Wabbelbeziehung zwischen Sprecher, Publikum und Problem. Alles hängt irgendwie zusammen. Alle sind irgendwie gemeint. Niemand ist konkret adressiert. Am Ende steht eine diffuse moralische Erschöpfung, aber kein Handlungsauftrag.
WIR sind nicht das Problem der Gesellschaft.
Das Problem beginnt dort, wo ein indifferentes Wir reale Konflikte, Machtverhältnisse und Zuständigkeiten verdeckt. Eine Gesellschaft besteht aus Menschen, Gruppen, Institutionen, Interessen, Verfahren und Entscheidungen. Diese Ebenen dürfen sprachlich nicht zusammenfallen. Wer sie absichtlich zusammenzieht, nimmt der Öffentlichkeit die Möglichkeit zur Prüfung.
Denn Prüfung braucht Adresse.
Man kann eine Behörde befragen. Man kann eine Regierung kritisieren. Man kann eine Entscheidung überprüfen. Man kann ein Unternehmen benennen. Man kann eine Partei an ihrem Programm messen. Man kann eine Redaktion an ihrer Auswahl messen. Man kann ein Förderverfahren an seinen Kriterien messen. Ein diffuses Wir lässt sich nicht befragen. Es steht im Raum wie feuchter Nebel und behauptet moralische Beteiligung.
Darum ist das indifferente Wir so bequem. Es simuliert Tiefe. Es gibt der Rede einen warmen Klang. Es erlaubt dem Sprecher, sich in die Gemeinschaft hineinzustellen, während er zugleich vermeidet, seine eigene Position offenzulegen. Wer „wir“ sagt, kann sich als Teil der Lösung inszenieren, selbst wenn er Teil der Blockade ist.
Das ist der Punkt: Ein Wir kann wahr sein. Ein Wir kann notwendig sein. Ein Wir kann tragen. Aber dann muss es bestimmt sein.
„Wir als Redaktion.“
„Wir als Stadtverwaltung.“
„Wir als Veranstalter.“
„Wir als Wählerinnen und Wähler.“
„Wir als diejenigen, die entschieden haben.“
„Wir als diejenigen, die die Folgen tragen.“
„Wir als diejenigen, die bisher geschwiegen haben.“
So wird Sprache überprüfbar.
Ein präzises Wir kann Verantwortung öffnen. Ein indifferentes Wir schließt sie. Es nimmt den Konflikt aus der Aussage und ersetzt ihn durch Beziehungsschleim. Es macht aus politischer Adressierung ein Gemeinschaftsrauschen. Es verwandelt Analyse in Atmosphäre.
Damit muss Schluss sein.
Wer gesellschaftlich spricht, soll sagen, wen er meint. Wer Verantwortung fordert, soll sagen, von wem. Wer Veränderung verlangt, soll sagen, bei wem sie beginnen soll. Wer Solidarität beschwört, soll sagen, welche Lasten geteilt werden und welche Macht zur Disposition steht.
Alles andere ist Wabblebeziehung.
Und Wabblebeziehung ersetzt keine Adressierung.
Diese Technik ist identifizierbar. Ein, zwei Indikatoren reichen: unbestimmtes Wir, diffuser Appell, fehlende Adresse. Wer das Muster kennt, erkennt es.
© 2026 Andersen Storm


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